Der anhaltende Rückgang der Verbraucherinsolvenzverfahren – erste Annäherungen an Erklärungsversuche

Zentrale Schuldnerberatung Stuttgart, Carola Benker

Den Meldungen des statistischen Bundesamts ist zu entnehmen, dass die Zahl der beantragten Verbraucherinsolvenzverfahren von Jahr zu Jahr stetig sinkt.

Auch im Jahr 2018 sank die Zahl der beantragten Verfahren um 6% im Vergleich zum Vorjahr.

Einen Anstieg der Verbraucherinsolvenzen hatte es zuletzt im Jahr 2010 gegeben. Seit dem sind die eröffneten Verbraucherinsolvenzverfahren bundesweit insgesamt um ein Drittel zurückgegangen.

Bei den oben genannten Zahlen gilt es zu beachten, dass außergerichtliche Regulierungen nicht mit einfließen und somit auch keine Schuldenbereinigungspläne, da es sich hier nicht um eröffnete Verfahren handelt.

Jahr für Jahr sinken die Zahlen und die Redaktion Infodienst, der AK InsO der AGSB, wie auch andere Gremien und Mitarbeitende von Beratungsstellen fragen sich: Wie kann das sein?

Von der Zentralen Schuldnerberatung Stuttgart wird seit Jahren eine relativ konstante Anzahl an Verbraucherinsolvenzanträgen mit den Klient*innen gemeinsam vorbereitet. Da es hier kaum Veränderungen gibt stellt sich die Frage wie die sinkenden Zahlen zu erklären sind. Auch von anderen Beratungsstellen wird berichtet, dass die Anzahl der in der Verbraucherinsolvenz beratenen Klient*innen gleich geblieben bzw. zumindest nicht rückläufig ist.

Es bleibt uns nicht mehr als zu mutmaßen und Hypothesen aufzustellen, da es zur Entwicklung der Verbraucherinsolvenzen keine aussagekräftigen und empirisch belegten Studien gibt.

Die aus Sicht der Praxis der Schuldnerberatung wahrscheinlichsten Gründe könnten sein (wobei die Reihenfolge der Nennung keine Gewichtung darstellt):

  • Der erweiterte Pfändungsschutz reicht den überschuldeten Menschen aus. Durch die Einführung des P-Kontos und durch die Möglichkeiten zur Anhebung der Pfändungsfreigrenze erreichen sie eine „ausreichende Ruhe“ vor den Gläubigern. Insbesondere Menschen mit geringem Einkommen vermeiden ein für sie aufwendiges und langwieriges Insolvenz- und Restschuldbefreiungsverfahren.
  • Da keine ausreichende Finanzierung der Schuldnerberatungsstellen für die Beratung im laufenden Insolvenzverfahren vorliegt, scheuen sich Klient*innen vor der Antragsstellung, da sie befürchten, dass im weiteren Verfahren und vor allem während der langen Restschuldbefreiungsdauer ihre Fragen nicht mehr ausreichend beantwortet und ihre Anliegen wegen fehlender Beratungskapazitäten nicht mehr wahrgenommen werden können.
  • Es gibt zu wenig kostenfreie Beratungsstellen, sodass diese dem hohen Andrang an Anfragen nicht gerecht werden können. Es gibt bei vielen Schuldnerberatungsstellen nach wie vor lange Wartezeiten für Ratsuchende.
  • Die Gerichte stellen immer weniger Beratungshilfescheine für Anwälte aus. Zudem gibt es immer weniger Anwälte, die rein auf Beratungshilfebasis arbeiten. Insbesondere für die Antragstellung werden zusätzliche Honorare verlangt. Außerdem ziehen sich immer mehr engagierte Anwälte aus der InsO-Beratung zurück, da sich die Beratung nicht mehr rechnet.
  • Die Anforderungen an die Beratung werden immer komplexer. Oft ist diese auf Grund sprachlicher Schwierigkeiten oder anderer beispielsweise gesundheitlicher Hürden kaum möglich. Zudem häufen sich die Fälle in denen multiple Problemlagen vorhanden sind und viel Vorarbeit bis zur eigentlichen Schuldenregulierung geleistet werden muss. Auch die psychische Belastung, die durch ein Insolvenzverfahren entsteht, ist für einige der Klient*innen zu hoch.

Als weitere Gründe könnten zum Tragen kommen:

  • Eine Vermutung könnte sein, dass Schuldnerberatungsstellen in der außergerichtlichen Regulierung immer erfolgreicher sind, sodass immer weniger Insolvenzverfahren beantragt werden müssen.
  • Viele Klient*innen haben bereits ein Insolvenzverfahren beantragt und müssen die Sperrfristen abwarten bevor ein neues Verfahren beantragt werden kann.
  • Einige Berater*innen sind der Ansicht, dass die Anträge von den Klienten selbst abgegeben werden sollen um einen möglichst hohen pädagogischen Effekt zu erlangen. Gehen hier vielleicht Anträge „verloren“?
  • Demnächst könnte ein Grund für einen weiteren Rückgang der Insolvenzanträge hinzukommen. Die mögliche Verkürzung des Insolvenzverfahrens auf drei Jahre durch eine von der EU veranlasste Gesetzesänderung. Eventuell hält dies Klient*innen davon ab ein 6-jähriges Verfahren anzustreben.
    (Einen sehr spannenden Beitrag meiner Kollegin Birgit Knauß finden Sie hier.)

Die Erforschung der tatsächlichen Gründe wäre vor allem auch aus Sicht der Praxis von großer Bedeutung. Wie sonst wollen wir als Schuldnerberatungsstellen gewährleisten, dass wir bestmöglich auf unsere Klient*innen eingehen und mit ihnen gemeinsam den jeweils geeigneten Weg der Entschuldung finden?