Das Verbraucherinsolvenzverfahren – ein Ausweg aus der privaten Überschuldung und dessen Wirksamkeit

Kristina Mascher *, Alfred Damberger **

Immer wieder wird die Wirksamkeit von Verbraucherinsolvenz von verschiedenen Autoren in Zweifel gezogen. Es wird angeblich Klartext bezogen und wird behauptet: Insolvenzverfahren verleitet zu neuen Schulden, keine nachhaltige Veränderung der bestehenden Strukturen, hohe Kosten für die Allgemeinheit, letztendlich sei dies Verfahren für die Katz.

Da jeder Schuldnerberater aus der Praxis weiß, wie notwendig und wohltuend allein ein Gespräch über das Tabuthema Geld für den Betroffenen sein kann, wie viele psychosoziale Probleme sich hinter der Überschuldung verstecken (Angst, Krankheit, Streit, Trennung etc.) und wie hilfreich ein distanzierter Blick ist, kann darüber nur den Kopf schütteln. Allein die Beratung über einen ausgeglichenen Haushalt und Informationen über häufig existenziell notwendigen Vollstreckungsschutz führen zu einer Verbesserung des Allgemeinzustandes. „Sie habe mir Angst genommen, jetzt kann ich wieder schlafen“ sind Äußerungen, die häufig in der täglichen Praxis fallen.

Ich denke, hier wird auch der Unterschied deutlich in welcher Beratungssituation sich der Schuldner befindet. In einer Rechtsanwaltskanzlei ist sicherlich kein Platz für das Gespräch über die Gesamtsituation. Auch ist in der Praxis ist ein deutlicher Unterschied auszumachen, ob Anträge auf das Verbraucherinsolvenzverfahren über eine anerkannte Beratungsstelle eingeleitet oder über Anwalt oder kostenpflichtige Stelle eingereicht werden. Bei den anerkannten Stellen der Wohlfahrtsverbände wird sicherlich ein größerer Augenmerk auf die Vorbereitung gelegt und damit einer neuen Verschuldungssituation entgegen gearbeitet.

Anträgen auf Eröffnungen führen hier fast zu 100% erfolgreich zum Ziel. Wenn man sich die Geschäftszeichen der verschiedenen Insolvenzgerichte ansieht, sieht es bei den Eröffnungsanträgen anderer Stellen nicht dementsprechend aus. Daher dürfte das erste Fazit sein: Die Entscheidung, ob ein Insolvenzverfahren, der richtige Weg aus der Schuldensituation ist und zur dauerhaften Schuldenfreiheit führt, hängt stark mit den vorbereitenden Tätigkeiten zusammen.

Spätestens seit der Einführung dieses Verfahrens (01.01.1999) sind auch die Thematik der privaten Überschuldung und die Entwicklung der Zahlen der Verbraucherinsolvenzen vermehrt in das Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Bachelorarbeit von Frau Mascher mit eben diesen Themen. Hierbei geht es aber nicht nur darum, Aspekte der privaten Überschuldung zu erläutern oder den Ablauf des Verbraucherinsolvenzverfahrens darzustellen. Vornehmlich wird der Frage nachgegangen, welche Aussagen sich über die Wirksamkeit des Verbraucherinsolvenzverfahrens als Ausweg aus einer Überschuldungssituation treffen lassen. Dabei geht es vor allem um die folgenden Aspekte bzw. Fragen:

  • Erfüllt das Verfahren seine Zielsetzung, das heißt, eine Sanierung des Schuldners und damit die Möglichkeit zu einem wirtschaftlichen Neuanfang?
  • Wie geht es den Menschen „hinter den Schulden“?
  • Führt das Verfahren zu Veränderungen im Leben der Betroffenen und wenn ja, wie sehen diese aus?

In dem Zusammenhang wurde im Rahmen eine Befragung zum Verbraucherinsolvenzverfahren bei der Sozialberatung für Schuldner des Caritasverbandes für die Diözese Regensburg e.V. durchgeführt.

Nachfolgend einige Auszüge aus dieser Arbeit:

Zielgruppe

Als Zielgruppe der Befragung wurden diejenigen Schuldner festgelegt, die seit 1999 bis Juli 2010 bei der Sozialberatung für Schuldner des Caritasverbandes Regensburg eine Insolvenzberatung in Anspruch genommen haben und von dieser Beratungsstelle die Bescheinigung über das Scheitern des AEV erhielten.
Insgesamt wurden 209 Fragebögen verschickt. Von diesen wurden 93 Fragebögen beantwortet, die alle in die Auswertung mit einbezogen werden konnten. 33 Fragebögen waren unzustellbar und 83 wurden nicht beantwortet. Die Rücklaufquote lag somit bei 44,5 Prozent.

Datenerhebung

Die Datenerhebung erfolgte anhand eines zweiseitigen Fragebogens, der zusammen mit einem Anschreiben sowie einem beigefügten gebührenfreien Rücksendeumschlag an die zur Zielgruppe gehörenden Personen im Namen der Beratungsstelle verschickt wurde.

Kinder im Haushalt

Die Frage, ob Kinder im Haushalt leben, bejahten 39 der befragten Personen, während 54 Personen diese Frage mit nein beantworteten. Auch wenn dieser Sachverhalt keine Informationen zu den eingangs formulierten Zielen dieser Untersuchung bereitstellt, so lässt sich dennoch festhalten, dass in über 40 Prozent der Fälle Kinder in überschuldeten Haushalten aufwachsen und damit, zumindest indirekt, mit dem Thema Überschuldung konfrontiert werden.

Veränderungen gegenüber der Zeit vor dem Verbraucherinsolvenzverfahren in ausgewählten Bereichen

In Frage acht wurden die Betroffenen befragt,  wie es ihnen heute im Vergleich zu der Zeit vor dem Insolvenzverfahren in acht verschiedenen Bereichen geht.

Diese Bereiche waren:

  • Lebenszufriedenheit
  • Umgang mit Behörden
  • Gesundheit
  • Ordnung von Unterlagen
  • Soziales Umfeld
  • Umgang mit Geld
  • Selbstsicherheit
  • Einkommenssituation

Veränderung im Leben aller Befragten heute im Vergleich zu der Zeit vor dem Insolvenzverfahren

Deutlich wird, dass sich im Leben der Befragten in nahezu allen Bereichen positive Veränderungen, also Verbesserungen ergeben haben. An erster Stelle steht hier der Bereich Lebenszufriedenheit mit einem Wert von 80,6 Prozent. 73,1 Prozent der Befragten gaben an, dass sich der Umgang mit Geld verbessert habe. Mit jeweils über 60 Prozent zeigt sich auch in den Bereichen Selbstsicherheit und Ordnung von Unterlagen eine deutliche Verbesserung. Weiterhin berichteten über 50 Prozent sowohl über eine bessere Einkommenssituation als auch über einen besseren Umgang mit Behörden. Für den Bereich Gesundheit gaben etwa 45 Prozent der Befragten an, dass sich ihre gesundheitliche Situation verbessert habe. Wohingegen etwa 39 Prozent ihre gesundheitliche Situation als gleich geblieben beschrieben. Hier ist also der Grad der Verbesserung nicht so deutlich wie in den vorherigen Bereichen. Darüber hinaus war der Bereich Gesundheit auch derjenige, bei dem mit einem Wert von etwa 15 Prozent am häufigsten von einer Verschlechterung der Situation berichtet wurde. Diese 15 Prozent entsprechen dabei einem absoluten Wert von 14 Personen. Anzumerken ist an dieser Stelle jedoch, dass eine weitere Berechnung der gesundheitlichen Situation in Abhängigkeit zum Alter ergab, dass sich zehn dieser Personen in den letzen drei Altersgruppen befanden. Das heißt, diese Personen waren im Alter zwischen 50 und 79 Jahren, weshalb die Verschlechterung der gesundheitlichen Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf das zunehmende Alter zurückzuführen ist.
Der einzige Bereich, bei dem etwa die Hälfte der Befragten angab, dass es keine Veränderungen gab, war der Bereich Soziales Umfeld. Dennoch berichteten immerhin 43 Prozent über eine Verbesserung.

In einer weiteren Berechnung wurden die Ergebnisse nochmals getrennt nach denjenigen Personen, die sich noch im Insolvenzverfahren befinden, denjenigen, die bereits die Restschuldbefreiung erlangt haben und denjenigen, denen diese versagt wurde ausgewertet. Hierbei zeigten sich jedoch im Wesentlichen die gleichen Ergebnisse.

Neue Schulden

Die Frage nach einer erneuten Aufnahme von Schulden verneinten 88 Personen, während lediglich zwei der Befragten dies bejahten. Drei Personen machten hierzu keine Angaben.

Eigene Anmerkungen, Mitteilungen der Befragten

Abschließend stand den befragten Personen Frage 15 als offene Frage für eigene Anmerkungen, Mitteilungen, etc. zur Verfügung. Hier machten insgesamt 48 Personen Angaben. Aufgrund von Mehrfachnennungen konnten bei der Auswertung schließlich 63 Antworten berücksichtigt werden. Zum Zwecke der Übersichtlichkeit wurden verschiedene Bereiche bzw. Kategorien gebildet, denen sich die einzelnen Antworten jeweils zuordnen ließen. Die Ergebnisse sind geordnet nach Häufigkeiten nachfolgend aufgeführt.

Eigene Anmerkungen der befragten Personen

  • Grüsse/ Danke für Beratung und Hilfe/Weiterempfehlung: 35
  • Fachkundige Hilfe/ Schuldnerberatung notwendig: 8
  • richtige Entscheidung/ gibt nichts besseres: 7
  • aus Fehlern gelernt: 4
  • noch mehr Aufklärung, was auf einen zukommt: 4
  • sehr gut, dass man selbst aktiv sein muss (mehr Selbstsicherheit, Stolz): 2
  • bereits in der Schule Umgang mit Geld lehren: 1
  • Probleme mit Treuhänder: 1
  • würde jedem davon abraten (kein normales Leben mehr möglich): 1

Auszug aus den persönlichen Äußerungen der Befragten:

  •  Ich war mit der Hilfe von Caritas sehr zufrieden.
  • Es gibt nichts Besseres als ein Insoverfahren in einer solchen Situation. Ich danke sehr für die Beratung und Hilfe.
  • Vielen Dank für die Unterstützung! Habe Sie schon weiterempfohlen!
  • Ich bin überglücklich endlich von dieser Schuldenlast befreit zu sein.
  • Mein Leben ist wieder lebenswert.

Fazit

Ein Aspekt, der hierbei als Anhaltspunkt für die Wirksamkeit des Verfahrens herangezogen wurde, war die Frage, ob das Verfahren auch wirklich eine Sanierung des Schuldners, das heißt, eine Beendigung der Überschuldungssituation herbeiführt. Im Ergebnis zeigte sich, dass zum Zeitpunkt der Befragung lediglich etwa 30 Prozent der befragten Personen das gesamte Verfahren bereits durchlaufen hatten, während sich der Großteil der restlichen Personen noch im Verfahren befand und daher noch keine Aussagen über eine erfolgreiche Schuldenbefreiung treffen konnte. Lediglich zwei Personen berichteten über eine Versagung der Restschuldbefreiung. Diejenigen 30 Prozent, die das Verfahren bereits durchlaufen hatten, berichteten jedoch alle von einer erfolgreichen Restschuldbefreiung und damit von einer Beendigung der Überschuldungssituation. Ein weiterer Anhaltspunkt für die wirksame Herbeiführung einer Sanierung der Betroffenen zeigte sich allerdings durch die Frage nach einer erneuten Aufnahme von Schulden, was etwa 98 Prozent der befragten Personen verneinten. Vor diesem Hintergrund scheint das Verfahren demnach, bezogen auf die hier durchgeführte Befragung, seine Zielsetzung, Betroffene hinsichtlich ihrer Überschuldungsproblematik zu sanieren, zu erfüllen.

Als weiterer Anhaltspunkt bzgl. der Wirksamkeit des Verbraucherinsolvenzverfahrens wurde jedoch nicht nur der Aspekt einer erfolgreichen Schuldensanierung betrachtet. Ebenso wurde der Frage nachgegangen, ob das Verfahren neben einer finanziellen Sanierung auch zu weiteren Veränderungen im Leben der Betroffenen führt bzw. welche Auswirkungen das Verfahren möglicherweise auf ihre Lebenssituation hat. Hier zeigte sich anhand der durchgeführten Befragung, dass sich durchaus Veränderungen mit überwiegend positiven Auswirkungen auf die Lebenssituation der betroffenen Personen ergaben. Zu nennen sind hier insbesondere eine erhebliche Verbesserung der Lebenszufriedenheit, der Selbstsicherheit, des Umgangs mit Geld sowie der Ordnung von Unterlagen. Zudem berichteten mehr als die Hälfte der befragten Personen, jederzeit wieder den Weg der Verbraucherinsolvenz zur Überwindung einer Überschuldungskrise zu gehen.

Insgesamt gesehen scheint somit die Wirksamkeit bzw. der Erfolg des Verbraucherinsolvenzverfahrens als Ergebnis der hier durchgeführten Befragung gegeben zu sein.

*   Bachelor of Arts, Lebenshilfe,
** Dipl.Soz.Päd. (FH), Scozialberatung für Schuldner, Regensburg

Literatur

Mascher Kristina: Das Verbraucherinsolvenzverfahren – ein Ausweg aus der privaten Überschuldung und dessen Wirksamkeit, dargestellt anhand einer Befragung bei der Sozialberatung für Schuldner des Caritasverbandes für die Diözese Regensburg e.V., Abschlussarbeit Bachelor of Arts (B.A.),Hochschule Regensburg, Fakultät angewandte Sozialwissenschaften vom 09.03.2011

Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. (Hrsg.), Existenzsicherungsberatung – Säule der Sozialberatung, Arbeitshilfe, 1.Auflage 2010