Aus der Redaktion Dezember 2018

Thomas Seethaler, Caritasverband Heidelberg

In wenigen Wochen ist Weihnachten und das Jahresende steht vor der Tür. Ein Grund wieder einmal auf das Ganze zu schauen und ein wenig über unser Arbeitsfeld nachzudenken.

In den letzten Wochen sind wieder diverse Schuldenreporte erschienen. Hervorzuheben sind der „Schuldneratlas Deutschland 2018“ von Creditreform, der es sogar bis in die Fernsehnachrichten und auf Seite 1 der BILD-Zeitung gebracht hat. Weniger öffentliche Beachtung hingegen fand der jährliche „Überschuldungsreport“ des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff). Den Report können sie unter https://www.iff-ueberschuldungsreport.de nachlesen.

Für Kollegen Nico Mantseris stimmen die Zahlen des Schuldneratlas in keinem Fall mit der Gerichtsstatistik überein. Näheres in seinem sehr lesenswerten Beitrag, den Sie unter https://www.infodienst-schuldnerberatung.de/index-der-gerichtlichen-zwangsvollstreckung-2018/ nachlesen können.

Das iff verwendet für seinen Report Daten von 110.000 Haushalten, die eine Schuldnerberatungsstelle aufgesucht haben. Es sind quasi unsere eigenen Zahlen, die freilich auch nicht repräsentativ sind, denn bei weitem nicht alle Menschen mit Schuldenproblemen haben einen freien und zeitnahen Zugang zur Schuldnerberatung.

Trotz guter Konjunktur und Arbeitslosenzahlen, die so niedrig sind wie nie, nimmt die Überschuldung in Deutschland weiter leicht zu. Inzwischen sind laut iff rund 7 Millionen Menschen in Deutschland davon betroffen.

Arbeitslosigkeit und dauerhaftes Niedrigeinkommen sind inzwischen die beiden Hauptauslöser für Überschuldung. Zweidrittel der Ratsuchenden gelten nach der herkömmlichen Definition als einkommensarm. Zusammen mit zunehmenden Wohnungskosten entsteht oft eine Gemengelage, die kaum noch Möglichkeiten für eine Regulierung lässt. Nur in 15% der untersuchten Schuldnerberatungsfällen war eine außergerichtliche (Teil)-Regulierung möglich. Auch eine Regulierung von Schulden durch ein Verbraucherinsolvenzverfahren erscheint für immer mehr überschuldete bzw. zahlungsunfähige Menschen keine Lösung zu sein. Im achten Jahr hintereinander sind auch 2018 die Zahl der Verbraucherinsolvenzverfahren deutlich gesunken: Von fast 140.000 Verfahren im Jahr 2010 auf knapp 95.000 im Jahr 2017; im Jahr 2018 werden rund 84.000 eröffnete Verfahren erwartet. Die durchschnittliche Regulierungsquote in Verbrauchinsolvenzverfahren betrug im Zeitraum von 2011 bis 2015 lediglich 1,5%. Insgesamt, so kann man schätzen, schaffen nur rund ein Drittel der Überschuldeten eine dauerhafte Überwindung dieser Situation, d.h. eine Regulierung ihrer Schulden.

Das Problem der Überschuldung trifft also vor allem Menschen, die trotz guter konjunktureller Lage weiter arbeitslos bleiben oder sich nach überwundener Arbeitslosigkeit oder nach ihrem Arbeitsleben mit deutlich niedrigeren Löhnen, Gehältern und Renten abfinden müssen. Die meisten Überschuldeten sind überschuldet, weil sie zu wenig Einkommen haben, nicht, weil sie übermäßig hohe Ausgaben haben. Der iff-Report deckt ebenfalls in seinem „Schlaglicht“ auf: Die Nichtinanspruchnahme bzw. (unrechtmäßige) Verweigerung von Sozialleistungen spielen in Überschuldungslagen ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Nico Mantseris kommt angesichts des Trends, dass immer weniger Menschen in der Lage sind, ihre Schulden dauerhaft zu regulieren, zum Schluss, „Gründe können laufende Unterhaltsverpflichtungen sein, die nicht eingehalten werden können. Aber auch dauerhafte Einkommensarmut, gegebenenfalls gepaart  mit unzureichender finanzieller Grundbildung, kann zu einer nicht bewältigbaren Überschuldung führen, ebenso wie Forderung aus Straftaten. Allen gemein ist die wirtschaftliche Exklusion, also die nicht hinreichende Teilhabe am wirtschaftlichen Geschehen, mit der fehlenden Möglichkeit, sich und der Familie eine wirtschaftlich sichere  Zukunft zu ermöglichen. Diese Form der Zahlungsunfähigkeit ist ein gesellschaftlicher Ausdruck von Armut.“

Was bedeutet das alles für die Schuldnerberatung? Die Autoren des iff-Reports fordern als „Beratungsimperativ“, in jedem Fall zu prüfen, ob tatsächlich alle zustehen Sozialleistungen auch in Anspruch genommen werden, bei Ihrer Durchsetzung behilflich zu sein und die Sicherstellung der materiellen Lebensgrundlage an die erste Stelle zu rücken. „Aber aufgepasst: So zusätzlich für einen Haushalt erlangte soziale Leistungstransfers dienen nicht zum Begleichen von Schulden – „Sozialinkasso“ verbietet sich ethisch für Schuldnerberatungsstellen!“.

Apropos Inkasso. Viele Überschuldungssituationen wären längst nicht so drastisch oder überhaupt entstanden, wenn die Inkassoindustrie nicht mit ungerechtfertigten und unzulässig hohen „Inkassogebühren“ Verschuldungssituationen schaffen oder verschärfen würden. Oft verdoppeln oder verdreifachen diese Kosten die ursprüngliche Forderung. Unkenntnis, Angst und schlechtes Gewissen der Ratsuchenden sind eine wichtige Grundlage für das vorgeblich doch so seriöse Inkassogewerbe. Dies bedeutet für die Schuldnerberatung, ungerechtfertigte Mahn- oder Inkassokosten abzuwehren. In einigen Fällen würden sich dadurch die Chancen einer Regulierung deutlich erhöhen. Auch hier tragen wir Verantwortung, die wir nicht abschieben sollten – zum Beispiel an Insolvenzverwalter.

Fazit: Der sozialanwaltliche Aspekt und vor allem der Grundsatz „Existenzsicherung geht vor Schuldenregulierung“ sollte in unserer Arbeit wieder mehr in den Mittelpunkt der Beratung geraten. Eigentlich doch ein guter Vorsatz für das neue Jahr? Denken Sie nicht auch?

Das Redaktionsteam wünscht Ihnen und Ihren Lieben eine schöne Advents- und Weihnachtszeit! Kommen Sie gut ins neue Jahr und bleiben uns weiterhin treu!