10 Jahre Ehrenamtliche in der Schuldnerberatung – aus Sicht eines Ehrenamtlichen

Ulrich Wörle *)

Eine Diakonische Bezirksstelle im Schwäbischen hatte mittels Zeitungsartikel Ehrenamtliche für die Schuldnerberatung gesucht. 30 Interessenten hatten sich gemeldet, 20 wurden in Sozialdienste verwiesen, weil sie ganz andere Vorstellungen von der Schuldnerberatung als die Diakonie hatten, von den restlichen 10 Freiwilligen ist heute noch EINER in der Schuldnerberatung tätig. Wie es der Zufall will, ist der Verfasser seit genau 10 Jahren ehrenamtlich in der Schuldnerberatung aktiv tätig und hat sich gerne ein paar Gedanken über diese Zeit gemacht.

Ehrenamtliche gab und gibt es schon immer: in sozialen Hilfsbereichen, Essen auf Räder, Hausaufgabenbetreuung, Besuchsdienste, Hospizdienste, Vereine, Beiräte, Rotes Kreuz, Feuerwehr etc., Ehrenamtliche, eigentlich durch nichts zu ersetzen, weil kostenlos.
Vor etwa 10 Jahren drängten nun plötzlich Ehrenamtliche auch in die Schuldnerberatung. Ja wie denn das? Es trafen Welten aufeinander: auf der einen Seite die diplomierten Sozialarbeiter, auf der anderen Seite Banker, Juristen, Beamten, “Manager“ aus der freien Wirtschaft. Jeder brachte  seinen Begriff von Betreuung und Beratung mit.

„Wie können Sie als Ehrenamtlicher sich anmaßen, soziale Schuldnerberatung zu erteilen, wozu ich 4 bis 5 Jahre studiert habe“. Dass aber Ehrenamtliche aus Banken und der Wirtschaft auch gewisse Finanzkenntnisse und Personalkompetenzen mitbringen? Nein, niemals.

Ja, fürs Aktensortieren wären die schon geeignet, wurde in einem Artikel festgestellt. Und unterschwellig kam auch die Angst hoch: die Ehrenamtlichen nehmen den Etablierten die Arbeitsplätze weg. „Mach d’ Tür zu, es kommt en Ehreamtlicher“, war das Fazit auf einem Seminar zur Gewinnung Ehrenamtlicher, Gott sei Dank aber nur witzig gemeint. Eine berechtigte Frage: „Was muss ich Zeit investieren, um diesen EA soweit zu bringen, wie ich es will?“ Aber andererseits: muss ich nicht in jeden neuen Auszubildenden, in jeden neuen Kollegen Zeit investieren, dass er mich später unterstützen kann? Und so wurde auch sehr schnell erkannt, dass Ehrenamtliche auch in der Schuldnerberatung wertvolle Hilfe leisten, wenn man sie richtig angelernt hat und sie auch Eigeninitiative entwickelten.

Das ganze Szenario und diese Diskussionen spielten sich zwar auf verschiedenen  Fachtagen des Diakonischen Werks ab, haben sich dann aber doch relativ schnell gelegt.

Es wurde festgestellt, die Ehrenamtlichen helfen und unterstützen die Schuldnerberaterinnen und Schuldnerberater, sie nehmen nicht die Arbeitsplätze weg, sondern minimieren „Zeitfresser“ wie Erstanfragen und außergerichtliche Einigungsversuche (aber auch die Akten können sie wirklich ordentlich sortieren).

Es kam auch immer darauf an, zusammenzufinden: was will/braucht der hauptamtliche Schuldenberater und wie will sich der Ehrenamtliche und vor allem mit welcher Intensität einbringen. Dem Einen genügt wirklich die Aktenführung und diese Person kommt nur zwei Stunden in der Woche, dem Anderen macht das Schriftliche Spaß und er investiert gleich zwei Tage in der Woche, andere freuen sich auf die Teilnahme an offenen Sprechstunden und den Umgang mit unserer Klientel und es soll sogar Ehrenamtliche geben, die überall mitmischen und sich einbringen, sich dabei wohl fühlen und völlig selbständig bis hin zur Einleitung des Insolvenzverfahrens beraten. Alles was Ehrenamtliche leisten, wird zusätzlich in der Abteilung geleistet und wäre ohne Ehrenamtliche eben einfach nicht darstellbar und möglich.
Natürlich war nicht jeder Ehrenamtliche ein Hoch- oder Überflieger und es trennte sich schnell die Spreu vom Weizen. Und ich selbst habe in diesen 10 Jahren viele Ehrenamtliche kommen und gehen sehen (allerdings auch einige Schuldnerberater).
Sie werden sich jetzt fragen, ja warum hat er dann 10 Jahre ehrenamtliches geleistet? Warum hat er nicht aufgehört? Ganz einfach. Ich selbst wurde in „meiner“ Diakoniestelle 2004 völlig vorbehaltlos aufgenommen, werde seitdem geschätzt und bin völlig in den Arbeitsablauf des ganzen Hauses eingebunden.

Was veranlasst überhaupt Ehrenamtliche, egal in welcher Sparte, sich ehrenamtlich zu betätigen? Ist es ihnen zu Hause langweilig oder wollen sie einfach nur Gutmenschen sein? Sicher, das auch. Aber gerade in dieser Zeit vor ca. 10 bis 15 Jahren war überall Personalabbau durch Konsolidierung oder Fusionen festzustellen. „Die Alten“ waren zu nichts mehr nutze und kosteten viel Geld. Die Lösung war  Altersteilzeit, Abfindungen, Frühpensionierungen, ohne diesen Personenkreis darauf vorzubereiten. Meistens finanziell relativ gut versorgt, konnten/wollten sie keiner anderen entgeltlichen Tätigkeit nachgehen und so bot es sich für manchen an, sich ehrenamtlich zu betätigen.

Aber vielleicht suchen sie auch neue Wege der Anerkennung? Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, erhalten keine Entlohnung für ihre Leistung. Ich bin der Meinung, dass gerade aber aus diesem Grund eine adäquate Anerkennung des Engagements zu gewährleisten ist. Ehrenamtliche stellen ihre Zeit zur Verfügung. Dafür gebührt ihnen Dank und Anerkennung, auch Ehrenamtliche wollen ein bisschen gestreichelt werden.

Wo stehen wir heute nach diesen 10 Jahren Zusammenarbeit zwischen Schuldnerberatern und Ehrenamtlichen? Im Fokus steht der Klient. Beide Seiten haben sich angepasst, um eine gedeihliche Zusammenarbeit zu gewährleisten. Mancher Ehrenamtlicher musste seine „hochherzigen“ Ziele an die unsere doch schwierige Klientel „runterfahren“, mancher Schuldnerberater musste die Kompetenz des Ehrenamtlichen anerkennen. Die Ressentiments aus der Vergangenheit erlebe ich nicht mehr. Nur so können wir unsere gemeinsame Arbeit fortsetzen.

*) Der Verfasser Ulrich Wörle war 40 Jahre bei der Dresdner Bank tätig, davon 34 Jahre in verantwortlicher Position. Nach Verabschiedung 2004 in die Altersteilzeit  und seinerzeit noch nicht pensionsreif, engagiert er sich seit nunmehr 10 Jahren ehrenamtlich in der Schuldnerberatung.