Zuletzt aktualisiert am 14.03.2005, Stefan Freeman, Diakonische Bezirksstelle Esslingen
14.03.2005

Entwicklungspotenziale und Interventionen in der Wohlverhaltensperiode

Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt unter Mitarbeit von Clarissa Kurscheid; Expertise im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen aus der gleichnamigen Schrift aus der reihe „Materialien zur Familienpolitik

Die Expertise „Finanzkompetenzentwicklung durch fördernde Interventionen in der Wohlverhaltensperiode im Rahmen des Privatinsolvenzrechts“ sollte vier Punkte behandeln:

a) Entwicklung einer Typologie von überschuldeten privaten Haushalten, die es ermöglicht, Interventionsgruppen oder Interventionsbezugspunkte zu identifizieren,

b) Modellierung von Überschuldung sowie die daraus resultierende Insolvenz und Wohlverhaltensperiode als dynamisches Person-Umwelt-Wechselwirkungsgeschehen,

c) Skizzierung der Idee eines Finanzschulungsinterventionsprogramms,

d) Darstellung von Fragen des angemessenen sozialatmosphärischen Klimas der Implementation eines solchen Programms, um programmindizierten Widerständen oder Fehlentwicklungen vorzubeugen.

Die einschlägige Literatur bemüht sich zwar ansatzweise um typologische Differenzierung der Überschuldungshaushalte im Lichte der Soziogenese der Überschuldung und der dabei wirksamen Risikofaktoren (exogene strukturelle Umweltfaktoren und endogene personelle, familienbiographisch vermittelte Kompetenzfaktoren). Aber das empirische Wissen reicht nicht aus, um ein klares soziographisches Bild der sozialen Landschaft zu zeichnen. Dennoch zeigen die Befunde, dass ein niedriger Bildungsgrad einen entscheidenden Risikofaktor darstellt. Da dieser oft mit randständigen Lagen im Arbeitsmarkt korreliert, kommt neben der umweltbezogenen Vulnerabilität unter Umständen das Faktum begrenzter Kompetenzpotenziale hinzu. Die milieudifferenzierenden Studien können die vertikal stratifizierte moderne Gesellschaft (untere, mittlere und obere Sozialschichten bzw. soziale Klassen) in horizontaler Perspektive so differenzieren, dass man auch innerhalb unterer Sozialschichten erhebliche Differenzierungen vornehmen muss. Grundsätzlich mögen jedoch, soweit die empirischen Befunden dies vermuten lassen, Probleme in der planungsrelevanten Zeithorizontbildung, in der adäquaten zukunftsbezogenen Risikoeinschätzung und in der Passung von Ressourcen und Wünschen liegen. Finanzkompetenzfragen sind Risikomanagementfragen und gliedern sich hier eher allgemeinen Fragen der Haushaltsführung, des Alltagsmanagement und der grundsätzlichen lebenslaufbezogenen Lebensführung ein. Gefragt sind daher Förderungen der Daseinskompetenzen allgemein. Zumindest lassen sich diese Zusammenhänge als plausible Hypothesen destillieren, die jedoch erst eine weitergehende empirische Evidenz in der Forschung erringen müssen.

Es darf nochmals argumentiert werden: Für die Entstehung (Genese) von Überschuldungsrisiken sind die ökonomischen Lagen von großer Bedeutung. Aber darin erschöpft sich die Genese nicht. Die Entstehung ist ein Prozessgeschehen. Sie ist eine eigene Geschichte: eine Entwicklungsgeschichte. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennungen etc. können, auch kumulativ, schnell aus einer Verschuldung eine Überschuldung werden lassen. Zu bedenken ist, dass Haushalte in prekären Lebenslagen, also positioniert im Raum zwischen bekämpfter Armut und relativem Wohlstand (Bien & Weidacher [Hrsg.], 2004), sehr schnell abgleiten können in (äquivalenzgewichtet definierte) Einkommensarmutslagen: „Familien in prekären Lebenslagen verfügen zwar noch über genügend Mittel, um nicht als arm zu gelten, doch kann bereits eine geringe zusätzliche Belastung für diese Haushalte den sozialen Abstieg in die Armut bedeuten.“ (Bien & Rathgeber, 2004, S. 231; kursiv auch im Original). Diese Teile der Bevölkerung sind exogen vulnerabel. Ereignisse sind dann Auslöser der Überschuldung. Aber nicht nur für die Frage, wie die Menschen aus der Überschuldung wieder herausfinden können und für die Frage, ob diese produktive Überwindung auch nachhaltig ist, spielen die Kompetenzpotenziale der Menschen eine große Rolle. Die endogene Vulnerabilität besteht im Mangel an personellen und sozialen Ressourcen. Auch für die auslösenden Teile der Entstehungsgeschichte der Überschuldung können Verhaltensdefizite sowie entsprechende motivbezogene und kognitive Faktoren von Bedeutung sein. Die empirische Forschung bestätigt eine erhebliche Rolle von Haushaltsführungsdefiziten, die finanzielle Kompetenzelemente einschließen, aber wahrscheinlich Defizite in der allgemeinen lebenslaufbezogenen Daseinsbewältigung offen legen.

Die Entstehungsgeschichte wie auch die auf die Wohlverhaltensperiode bezogene Überwindungs- bzw. Bewältigungsgeschichte sind transaktionalistisch als Person-Umwelt-Wechselwirkungen dechiffriert worden. Diese rein theoretisch anmutende Überlegung ist von weitreichender sozialpolitischer Bedeutung. Die sozialen Probleme sind ohne Berücksichtung der Wirkungsweise der personengebundenen Kompetenzprofile eben nicht zu rekonstruieren. Eine Überlegung darf hier nochmals in einer Formulierung wiederholt werden, die im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Neo-Liberalismus erst wenige Seiten zuvor dargelegt worden ist: Eine soziologische Sozialpolitikforschung, die nur die Positionierung des Individuums in den sozialen Strukturen und mit Blick auf exogene Risikofaktoren (Arbeitsmarktvulnerabilität etc.) beschreibt, verkürzt den Analyserahmen, greift zu kurz und wird auch nur unterkomplexe Lösungswege aufweisen. Leider ist der größte Teil der sozialwissenschaftlichen Lebenslagenforschung in dieser Weise reduziert. Und die systematische Einbeziehung der personalen Schlüsselvariablen wird normativ oftmals vorschnell als neo-liberale Strategie der individuellen Schuldzuweisung eingestuft. Zwar nehmen große Teil des Neo-Liberalismus auch genau diese Art von Pädagogisierung vor. Aber umgekehrt bedeutet dies nicht, dass eine empirisch gehaltvolle, theoretisch hinreichend fundierte Analyse mit Blick auf problemangemessene Interventionen die personale Mitte der Lebenslage (Schulz-Nieswandt, 2003a) als Handlungsraum vernachlässigen oder gar vergessen darf.

Gerade die Modellierung der Überschuldung (die Wohlverhaltensperiode eingeschlossen) als Statuspassage (Punkt b der Aufgabenstellung) ermöglichte es, den doppelten Charakter der Problematik als individuelle wie auch als gesellschaftliche Herausforderung zu beschreiben. Denn mit der gesellschaftlichen Hilfeleistung muss die subjektive Perspektive korrespondieren und, problemlösend an der Bewältigung der Statuspassage arbeiten. Hier kommen die Kompetenzen ins Spiel. Mit Blick auf die Forschungsbefunde wurde versucht, einige psychologische Faktoren zu benennen, die hierbei relevant sind: Selbstbilder und Selbstwertgefühle, Kausalitätsvorstellungen als personale oder institutionelle Schuldzuschreibungen, Schamreaktionen, Positionierungen in einer Skala der psychischen Reaktionsformen zwischen Fatalismus/depressiver Orientierung einerseits und umweltoffener Aktivität und lebensbejahender, kunftsbezogener Orientierung andererseits. Empirische Befunde zurStützung dieser psychodynamischen Kräftefelder fehlen aber in der Überschuldungsforschung.

Diese psychologischen Perspektiven wurden in der vorliegenden Analysedennoch herausgearbeitet, weil in ihnen mögliche Akzeptanzprobleme oder gar Mitwirkungsblockaden gegenüber einem Interventionsprogramm begründet liegen können (Punkt d) der Aufgabenstellung). Insofern wurde die Implementation im Rahmen eines sozialatmosphärisch akzeptanz- und mitwirkungsfördernden Klimas thematisiert. Auch hier fehlt es an anwendungsbezogener Konkretisierungsforschung.

Mit Blick auf die gestellten Aufgaben ist die Modellierung eines transaktionalistischen Verständnisses der Insolvenz und der Wohlverhaltensperiode (Punkt b) der Aufgabenstellung) zwingend die Basis, um die betroffenen privaten Haushalte angemessen differentiell zu verstehen (Punkt a) der Aufgabenstellung).

Die Idee eines Finanzschulungsprogramms (Punkt c) der Aufgabenstellung) sollte explizit nicht curricular erfolgen. Allerdings ist auf Grund der Situationsbezogenheit (Wohlverhaltensperiode) die Problematik nicht zu vergleichen mit der präventiven Strategie in der Kreditpädagogik (Hamm-Beckmann, 2000) oder in der finanziellen Allgemeinbildungsidee (Reifner, 2003). Natürlich wird es auch in dem Interventionsprogramm im Rahmen der Wohlverhaltensperiode um finanzielles Wissen gehen. Aber die – allerdings spärlichen – empirischen Befunde lassen die Vermutung evident werden, dass es sich um milieubedingte Sozialisationsdefizite schlechthin handelt. Dazu kann etwa auch der Umgang mit den gesellschaftlich induzierten Bedürfnisdynamiken der Konsumgesellschaft gehören. Und darin können, wie Backert (2003) ansatzweise zeigen konnte, auch Angehörige höherer Schichten mit bis dato guten bis sehr guten ökonomischen Ressourcenausstattungen scheitern. Auch das soziale Milieu höherer Schichten der Wohlstandsgesellschaft kann überfordern. Viele Menschen scheitern an den normativen Bezugssystemen, die im kollektiven Selbstinszenierungsprozess der Mediengesellschaft aufgebaut werden und von vielen Menschen als Last bewältigt werden müssen. Strukturell werden Teile der Bevölkerung gefährdet, wenn ihnen in der produktiven Auseinandersetzung mit dieser Aufgabe die arbeitsgesellschaftlichen Grundlagen entzogen werden. So gesehen lässt sich die transaktionalistische Theorie der Person-Umwelt-Wechselwirkung politisch engagiert als Täter-Opfer-Dialektik reformulieren. Es handelt sich um einen Verstrickungszusammenhang des Menschen zwischen Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit, sozialer Mitverantwortlichkeit und gesellschaftlicher Ressourcenabhängigkeit. Anthropologisch gesehen kommt damit als Tiefenstruktur des Problems die grundsätzliche Fehlbarkeit des Menschen ins Spiel (Ricoeur, 2002). Und wie geht die Gesellschaft mit der Schuld des Individuums um?

Downloads

» Die gesamte Expertise

Links

» Abkürzungsverzeichnis

Nach oben