Zuletzt aktualisiert am 15.11.2009, Stefan Freeman, Diakonische Bezirksstelle Esslingen
15.11.2009

Creditreform stellt SchuldnerAtlas Deutschland 2009 vor - Anmerkungen von Marius Stark

Der Verein Creditreform hat den SchuldnerAtlas Deutschland 2009 vorgestellt - Anmerkungen von Marius Stark, Sozialberatung für Schuldner in der verbandlichen Caritas, Köln.

Die jährliche Untersuchung kommt zu folgenden Kernaussagen:

Verschuldungssituation bei Privatpersonen hat sich weiter entspannt
Die Zahl der überschuldeten Privatpersonen in Deutschland ist 2009 gegenüber dem Vorjahr um 680.000 Personen zurückgegangen. Für die gesamte Bundesrepublik wurde zum Stichtag 1. Oktober 2009 eine Schuldnerquote von 9,09 Prozent (2008: 10,11 Prozent) ermittelt.Damit sind 6,19 Millionen Personen über 18 Jahre überschuldet und weisen zumindest nachhaltige Zahlungsstörungen auf (2008: 6,87 Millionen Personen).

Krise kommt am Arbeitsmarkt noch nicht an
Der aktuelle Rückgang der Schuldnerquote geht weitgehend auf drei Faktoren zurück: Erstens hat die schwere Wirtschaftskrise bislang zu einem nur moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. Der Verlust der Beschäftigung als Hauptauslöser für Überschuldung wurde durch die massive Ausweitung der Kurzarbeit größtenteils verhindert. Zweitens hat der deutliche Rückgang bei den Energie-, Rohstoff- und Lebensmittelpreisen die Verbraucher entlastet. Durch die weitgehend stabile Einkommenssituation waren die Schuldner in der Lage, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen und Schulden abzubauen. Schließlich sind die Verbraucher durch Sparen und Konsumverzicht weniger neue Kreditverpflichtungen eingegangen.

Verschuldung jünger und weiblicher - strukturelle Überschuldung verstärkt sich
Trotz des merklichen Rückgangs der Schuldnerzahl insgesamt verhärtet sich die Verschuldungsproblematik in einigen Teilbereichen. Während der Anteil der Männer an den überschuldeten Privatpersonen seit 2004 von 68,0 auf 65,6 Prozent zurückging, stieg der der Frauen um 2,4 Prozentpunkte auf 34,4 Prozent. 2009 waren 4,06 Millionen Personen männlichen (minus 0,39 Millionen gegenüber 2004) und 2,13 Millionen Personen weiblichen Geschlechts (plus 0,04 Millionen gegenüber 2004) überschuldet. Auch in den Altersgruppen gibt es unterschiedliche Trends: So steigt die Zahl der jüngeren Personen (unter 20 Jahre), die überschuldet sind, deutlich. Zwischen 2004 und 2009 erhöhte sich deren Zahl um 75.000 auf 128.000 Betroffene. Von den 20-29 jährigen Einwohnern Deutschlands sind 1,21 Millionen überschuldet (Schuldnerquote: 9,81 Prozent). Das sind 223.000 Personen mehr als noch 2004.

Die aktuelle Abschwächung der Schuldenproblematik vollzieht sich allein bei Privatschuldnern, die nur wenige Überschuldungsindikatoren und Negativmerkmale aufweisen (minus 1,055 Millionen Personen gegenüber 2006). Dagegen erhöhte sich die Zahl derer, die zahlreiche Überschuldungskennzeichen und juristische Sachverhalte wie mehrere Inkassofälle, Privatinsolvenz oder Eidesstattliche Versicherung aufweisen, um 62.000 Betroffene.

Ost und West gleichen sich an - Bayern, Baden- Württemberg und Sachsen auf dem Podium
Die Schuldnerquoten in Ost- und Westdeutschland haben sich 2009 zwanzig Jahre nach dem Mauerfall angeglichen. In den neuen Ländern ohne Berlin liegt die Schuldnerquote bei 9,08 Prozent (2008: 10,30 Prozent). 1,03 Millionen Ostdeutsche gelten damit als überschuldet. Im Westen Deutschlands sind 5,16 Millionen Personen betroffen. Die Schuldnerquote erreicht hier 9,10 Prozent (2008: 10,07 Prozent).

In allen Bundesländern kann für 2009 ein Rückgang der Schuldnerquoten verzeichnet werden. Die niedrigsten Schuldnerquoten weisen Bayern (6,72 Prozent; 2008: 7,28 Prozent), Baden-Württemberg (7,11 Prozent; 2008:7,65 Prozent) und Sachsen (7,96 Prozent; 2008: 9,10 Prozent) auf. Am unteren Ende der Statistik finden sich Bremen (13,92 Prozent; 2008: 14,72 Prozent), Berlin (12,16 Prozent; 2008: 13,96 Prozent) und Sachsen-Anhalt (11,05 Prozent; 2008: 12,40 Prozent), wobei sich Berlin und Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich verbessern.

Deutschland steht (noch) gut da
Die Verbraucherüberschuldung hat in den angelsächsischen Ländern infolge der Wirtschaftskrise anders als in Deutschland weiter zugenommen. Dies nicht zuletzt, da diese Volkswirtschaften stärker von der Finanz- und Immobilienkrise betroffen sind und mehr unter den Folgewirkungen wie einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen leiden. In den USA sind 2009 gut 38 Millionen Privatpersonen überschuldet (Schuldnerquote: 16,1 Prozent; 2008: 14,7 Prozent). Großbritannien verzeichnet einen Anstieg der Schuldnerquote von 10,4 auf 11,3 Prozent (5,5 Millionen überschuldete Personen).

Ausblick: Überschuldung droht wieder zu steigen
In den kommenden zwei Jahren ist nicht mit einem weiteren Rückgang der Verbraucherüberschuldung zu rechnen. Im Gegenteil: Ein merklicher Anstieg der Arbeitslosenzahlen bis Ende 2010 und stagnierende Realeinkommen dürften die Auslöser für eine neuerliche Überschuldungsentwicklung sein.

Mehr Informationen und ausführliche Analysen
www.creditreform.de/Deutsch/Creditreform/Aktuelles/Creditreform_Analysen/SchuldnerAtlas/index.jsp

Anmerkungen

Marius Stark von der Arbeitsstelle Sozialberatung für Schuldner in der verbandlichen Caritas, Köln, hat zum SchuldnerAtlas einige Anmerkungen verfasst:

Von Entspannung der Ver- und Überschuldungssituation kann aus Sicht der Schuldnerberatung nicht gesprochen werden. Nach wie vor haben wir lange Wartezeiten bei den Beratungsstellen.

Die Finanzmarktkrise führt dazu, dass viele Menschen ihr bisheriges Einkommensniveau nicht mehr halten können. Soweit sie sich im tragfähigen Rahmen verschuldet haben, besteht nun die Gefahr der Überschuldung bei geringer werdenden finanziellen Ressourcen.

Es wäre daher politisch vernünftig, neben den Unterstützungsaktionen für die Finanzmärkte und die Wirtschaft auch die hiervon unmittelbar betroffenen Menschen mit in den Blick zu nehmen und sich genauer anzusehen, welche Auswirkungen die Finanzmarktkrise unmittelbar für sie haben werden. Es sollten staatliche Rettungspakete auch mit einer sozialen Komponente versehen werden. Es muss eine vorbeugende Finanz- und Budgetberatung vorgehalten werden.

Konkret und aktuell heißt das: Für die Tausenden Quelle-Mitarbeiter/innen die nun arbeitslos sind, muss sofort auch eine entsprechende Finanz- und Budgetberatung angeboten werden!

Überschuldung führt zur Verarmung und sozialen Ausgrenzung
Die Überschuldungssituation vieler Familien in Deutschland ist ein wesentlicher Faktor für ihre Verarmung und soziale Ausgrenzung. Das Überschuldungsproblem betrifft nicht ausschließlich soziale Randlagen, sondern dehnt sich auf weite Bevölkerungsschichten aus. Verschuldungsprozesse, die in Überschuldung münden, kommen in allen sozialen Schichten vor. Überschuldung bedeutet für die Betroffenen eine völlige  Destabilisierung ihrer Existenz. Sie sind Stress und psychischem Druck ausgesetzt und häufig gesundheitlich beeinträchtigt. Materielle und immaterielle Belastungen verstärken sich gegenseitig. Die kritischen Verhältnisse belasten Partnerschaften schwer und beschädigen die Entwicklung der Kinder. Zu Unrecht wird in der öffentlichen Diskussion Überschuldung regelmäßig auf wirtschaftliche Sachverhalte reduziert.

Schuldnerberatung ist unverzichtbar für die soziale Infrastruktur

Es wird heute von niemandem mehr bestritten, dass die Beratung überschuldeter Menschen eine dringend notwendige und sinnvolle Hilfe ist. Eine zunehmende Zahl überschuldeter Menschen hat ohne eine qualifizierte Schuldnerberatung  kaum mehr eine Chance, ihre aus Überschuldung resultierenden Probleme alleine zu lösen. Die Schuldnerberatung, die im Wohlfahrtsbereich deshalb als "Sozialberatung für Schuldner" bezeichnet wird, hat die Funktion einer wirtschaftlichen und sozialen Stabilisierung. Zu ihren Aufgaben gehört neben der Existenzsicherung, dem Schuldnerschutz und der psychosozialen Beratung nicht zuletzt auch die Schuldenregulierung.

Zahl der Beratungsstellen muss sich verdoppeln

Zurzeit gibt es in Deutschland etwa 1.000 Beratungsstellen mit rund 1.500 Beraterinnen und Beratern. Gemessen an der Zahl der überschuldeten Haushalte ist der Bedarf bei weitem nicht gedeckt. Das zeigt sich u.a. an den langen Wartezeiten, bis es zu einem ersten Gespräch kommt. Häufig können Beratungsstellen nur eine Kurzberatung durchführen, um eine erste - oftmals existenzielle - Hilfestellung anzubieten. Etwa die Hälfte der Beratungsstellen verfügt über nur eine Beratungskraft und weitere 10 % sind lediglich mit einer Teilzeitkraft besetzt. Wegen der ungenügenden Beratungskapazität ist es derzeit nur 10 bis 15 % der verschuldeten Menschen möglich, in einer Schuldnerberatungsstelle kostenlose Hilfe zu erhalten.

Geschäfte mit der Armut
Die langen Wartezeiten bei den Beratungsstellen der Wohlfahrts- und Verbraucherverbände machen sich unseriöse gewerbliche "Schuldenregulierer" zunutze. Sie werben damit, dass es bei ihnen keine Wartezeiten gebe. Oftmals tappen Schuldner in diese Falle. Sie sind nicht in der Lage auf den ersten Blick zu erkennen, dass diese Firmen häufig nichts anderes tun, als gegen hohe Gebühren lediglich einfachste Bürodienste zu erledigen (Erfassen der Gläubiger und deren Forderung in einer EDV-Akte). Oder sie vermitteln an einen Anwalt, der zusätzlich Honorar verlangt.

Finanzielle Unterstützung muss verbessert werden
Die derzeitige Finanzierung der Beratungsstellen wird von den Ländern, den Kommunen  und mit dem Einsatz erheblicher Eigenmittel der Wohlfahrts- und Verbraucherverbände gewährleistet. Die Finanzierung ist in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt; "Schlusslicht" ist hier Hessen wo es seit 2005 überhaupt keine Landesmittel mehr gibt. In einigen Bundesländern ist es gelungen die Sparkassen- und Giroverbände in die Finanzierung einzubinden. Obwohl alle anderen Banken von der Arbeit der Schuldnerberatung ebenso profitieren, lehnen sie bisher eine finanzielle Beteiligung ab.

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