Zuletzt aktualisiert am 16.07.2006, Stefan Freeman, Diakonische Bezirksstelle Esslingen
16.07.2006

Der Finanzcoach - neue Schulden-Doku-Soap beim WDR

Nach "Endlich schuldenfrei" beim Privatsender RTL II im letzten Sommer gibt es seit 12 Juli 2006 im WDR den "Finanz-Check" in sechs wöchentlich ausgestrahlten Folgen.

Im Rahmen einer "Zuschauerverjüngungskur" schickt der Sender bis Ende August zwölf Pilotsendungen durch den Äther, die in erster Linie die 14- bis 39-Jährigen ansprechen sollen, unter anderen den "Großen Finanzcheck", in dem ein "Finanzcoach" in sechs Episoden nach bestem RTL-II-Beispiel jungen Menschen aus ihren finanziellen Nöten helfen wird. 

Eine Kritik der ersten Sendung "Der Finanzcoach"

Stefan Freeman, Esslingen und Gabriele Kraft, Dettenheim

Nach "Endlich schuldenfrei" beim Privatsender RTL II im letzten Sommer gibt es seit 12. Juli 2006 im WDR den "Finanz-Check" in sechs jeweils wöchentlich ausgestrahlten Folgen.

Über den Finanzcoach schreibt der WDR:

"Michael Requardt, studierter Jurist und versierter Schuldenberater, kennt sich bestens aus. Seit mehr als zehn Jahren ist der 52-jährige Finanzexperte im Bereich des Insolvenzrechts als kompetenter Ansprechpartner für verschuldete Personen beratend tätig. Unser Finanzcoach Michael Requardt, Anwalt und Schuldnerberater, besucht sechs Familien in Nordrhein-Westfalen und erarbeitet mit ihnen gemeinsam ein tragfähiges Finanz-Konzept; er hilft ihnen, Einnahmen und Ausgaben sauber zu bilanzieren, Spar-Möglichkeiten zu entdecken, mit Gläubigern und Banken zu verhandeln - und wieder ein tragfähiges finanzielles Fundament für die Zukunft zu legen."

Tatsächlich ist Michael Requardt als Rechtsanwalt in Köln und jetzt als Geschäftsführer der Firma Insosoft und Präsident des Bundesverbandes Schuldnerhilfe Deutschland e.V. tätig. Über die Adresse www.insosoft.de können Betroffenen ihr Insolvenzverfahren online selbst bearbeiten. Von dieser Möglichkeit sollen schon über 6.000 Betroffene Gebrauch gemacht haben. Die Sendungen dürften ihm weiteren Zulauf garantieren.

Exkurs:

Wer die ZVI liest, findet übrigens in der neuesten Ausgabe einen Aufsatz "Das Bescheinigen durch geeignete Personen oder Stellen über das Scheitern der außergerichtlichen Einigung ohne Mitwirkung an der außergerichtlichen Einigung", der sich, zwar ohne den Namen zu nennen, aber dennoch erkennbar mit dem Produkt "Insosoft" beschäftigt. (Weitreichendes!) Fazit des Autors:

"Es ist nicht ausreichend, wenn die Bescheinigung nach einem vom Schuldner selbst durchgeführten Einigungsversuch ausgestellt wird, ganz gleich, ob auf Basis allein der Bekundungen des Schuldners oder auf Basis ergänzend vorgelegten Schriftverkehrs. Die geeignete Stelle oder Person muss vielmehr an dem Versuch der außergerichtlichen Einigung aktiv beteiligt gewesen sein."

Das gehe laut Autor des Beitrags sogar so weit, dass die geeignete Person oder Stelle unter ihrem Namen auftreten und selbst verhandeln müsste. 

Zurück zur Sendung:

Wie bei RTL II agiert fast ausschließlich der Berater. Das betroffene Paar (durchaus sympathisch) sitzt dabei und lässt sich führen. Während die Frau mit einer Psychologin Selbstsicherheitsaufgaben in der Innenstadt macht, begleitet der Mann den Finanzcoach in Sachen Kündigungsabwehr zum früheren Arbeitgeber im düsteren Industriegebiet – warum muss nicht auch er wie die Frau lernen, selbstbewusster aufzutreten? Gemeinsam geht der Finanzcoach mit dem Paar sogar Ordner einkaufen. Es fehlt auch nicht der Blick in den Kühlschrank. Der psychosoziale Hintergrund der Verschuldung wird beim Restaurantessen auf Kosten des Finanzcoachs erörtert. Der Finanzcoach organisiert auch einen Arbeitsplatz für die Frau. Zum Schluss umarmen sich alle.

Die in der obigen WDR-Selbstdarstellung angesprochene "saubere Bilanz" (auf Flipchart - gab's auch in RTL II, gell? - im Wohnzimmer der Leute), die über EUR 430 mehr Ausgaben als Einnahmen ergibt, bleibt auch nach der Erstellung des "tragfähigen finanziellen Fundaments" (Folgerungen aus dem Berechnungsergebnis: Umziehen, das Rauchen einstellen, Unterhaltsbeitrag reduzieren, Hund und/oder Fische aufgeben) bzw. zum Ende der Sendung bestehen. Der Beitrag sagt nichts darüber aus, ob das Paar mit dem Rauchen aufgehört hat, ob der Unterhaltsbetrag für das Kind aus der "Jugendzeit" erfolgreich (???) gemindert werden konnte, ob eine neue Wohnung mit einer geringeren Miete und Stromkosten gefunden wurde; dem Zuschauer wird freilich suggeriert, dass genau das alles eintreten wird.

Von der Aussage her höchst problematisch ist die Schuldenlösung des Finanzcoachs für den Mann: "Die Schulden zahlen Sie nicht, Sie gehen ins Insolvenzverfahren. Über's Internet, kostet nur EUR 250" (der Finanzcoach fängt dann auch gleich an am Rechner des Paares einzutippen). Es bleibt offen, wer das bezahlt. Natürlich bleibt auch völlig ungeklärt, wer den Finanz-Coach für seinen Intensiveinsatz über Stunden und Tage bezahlt.

Schöne, heile TV-Welt! Man bekommt einen Termin beim Schuldnerberater und schon wird das Leben besser. Die Schulden werden geregelt, Kündigungen umgemünzt, neue Stelle gefunden, der Hund entwurmt... .

Leider kann im wahren Leben kein Schuldnerberater oder Anwalt so vorgehen. Der auch für die Betroffenen mühevolle Weg ist ein anderer. Wahrscheinlich manchmal ähnlich tränenreich wie im Film, aber eben nicht so spektakulär erfolgreich bzw. mit mehr Eigenaktivität der Betroffenen verbunden.

Positive Elemente sollen nicht verschwiegen werden. Es kam deutlich rüber, dass Stillhalten und Papiere unangeschaut weglegen oder -werfen keine Lösung ist. Gute Schuldnerberatung hilft durchaus beim Sortieren von Unterlagen und Prüfen von Forderungen und Verträgen. Die Erstellung einer Übersicht der Einnahmen und Ausgaben erfolgt im Rahmen der Existenzsicherung i.d.R. zu Beginn der Beratung (in den meisten Fällen begleitet mit einer Frage nach dem Stand des Girokontos!!). Dass mit der finanziellen Notlage der Menschen auch noch Geschäfte gemacht werden, wird an der Lohnsteuervorfinanzierung durch eine Firma Nova deutlich gemacht.

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