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"Es ist jedes Mal ein persönliches Drama"
"Gäubote"-Weihnachtsaktion "Schuld(en)-Los" - Klaus Kittler über den gesellschaftlichen Abstieg überschuldeter Menschen

Herrenberg - "Mein Haus, mein Auto, mein Boot", prahlt ein gutsituierter Herr in einem wohl bekannten Werbespot. Was aber, wenn an die Stelle der Statussymbole der tiefrote Kontoauszug tritt? Der "Gäubote" sprach mit Klaus Kittler, Referent für Schuldnerberatung und Arbeitslosenhilfe des Diakonischen Werks Württemberg, über gesellschaftliche Indikatoren und soziale Folgen der Überschuldung.

VON MARION SCHRADE

"Gäubote": Tabuthema Schulden - Der' Gerichtsvollzieher steht vor der Haustür, der Briefkasten bleibt aus Angst vor unbezahlbaren Rechnungen ungeöffnet und die eigene Ehefrau ist völlig ahnungslos. Haben Betroffene Angst, sich anderen anzuvertrauen?

Klaus Kittler: "Es gibt diese Verhaltensweisen zuhauf. Wir erleben sie in den Schuldnerberatungsstellen immer wieder. Es ist jedesmal ein persönliches Drama, eine Tragödie, wenn auf Grund von Arbeitsplatzverlust oder anderer Krisen das Einkommen zusammenbricht, während die Belastungen und Verbindlichkeiten gleich hoch bleiben. Viele Menschen unternehmen, bevor sie zur Beratung kommen zahIreiche Versuche, der Situation auszuweichen, anstatt sich selbst und andere damit zu konfrontieren."

Zieht sich der Schuldner also, aus einem Schamgefühl heraus, in eine selbst gewählte soziale Isolation zurück?

"Das kommt häufig vor. Der Umgang mit Geld ist eines der Merkmale für ein erwachsenes Leben. Wenn sich herausstellt, dass jemand sein Geld nicht einteilen kann oder dass es einfach nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, dann ist das immer auch ein Eingeständnis, dass man diese Grundfähigkeit scheinbar nicht erlernt hat. Das löst bei vielen Menschen ein Schamgefühl aus, das gerade dazu führt, dass sie nicht offen darüber reden können. Diese Verhaltensweise verschärft das Problem zusätzlich: Je länger man diese Schwierigkeiten verschweigt, desto mehr nehmen die Probleme innerhalb dieses Zeitraums zu und führen letztlich in eine Sackgasse, aus der oft nur noch die private Insolvenz herausführt."

Bricht für Betroffene im wörtlichen Sinne eine Welt zusammen - nämlich die des geordneten gesellschaftlichen Gefüges?

"Durchaus. Es fängt damit an, dass man sich, oft mit ganz einfachen Käufen - etwa Bekleidung oder einem Fernseher- ein Leben zusammenträumt, das man gerne führen möchte. Das gilt erst recht, wenn man ein Eigenheim gebaut hat, dessen Finanzierung in der Regel auf 25 Jahre ausgelegt ist. Wenn dieses Leben auf dem Bankauszug zerbröckelt, bricht tatsächlich eine Welt zusammen. Die Menschen müssen sich ganz neu auf das, was sie in der Hand haben, was sie verbrauchen und was sie sich leisten können, einstellen. Dieser gesellschaftliche Abstieg ist für viele die eigentliche Krise. Wenn die bewältigt ist, kann man in aller Regel einen Neuanfang wagen."

Teufelskreis Schulden, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus. Fallen die Betroffenen oftmals einer unaufhaltsamen Kettenreaktion zum Opfer?

"Es bestehen enge Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren. Wir wissen aus der Ursachenforschung zur Überschuldung, dass ein Drittel der Betroffenen die Ursachen für ihre Lebenssituation in der Arbeitslosigkeit sieht. Zwischen den einzelnen Notlagen, wie Alkoholismus und anderen Suchtkrankheiten, aber auch gesundheitlicher Gefährdung, bestehen Wechselwirkungen. Nur wie sich die Kette darstellt, was letztlich Ursache und was Wirkung ist, lässt sich. nicht pauschal beschreiben. Jeder reagiert anders auf kritische Lebenssituationen, und der Zusammenhang zwischen Problemen, Verhalten und Erkrankungen ist nicht immer nur kausal. Denn oft sind die Personen Mehrfachbelastungen ausgesetzt: Wenn jemand zur Schuldnerberatung kommt, stehen im Hintergrund oft auch andere Probleme - familiäre Konflikte, Arbeitslosigkeit, Suchtthematik sind Stichworte für komplexe Lebenssituationen.

Wie reagiert das persönliche Umfeld der Schuldner, wenn die Probleme offenkundig werden?

"Menschen, die Probleme haben, werden oft gemieden. Freunde ziehen sich zurück. Das Verhalten der Betroffenen selbst, die nicht über ihre Schwierigkeiten reden, spiegelt sich in ihrer Umwelt wider- die häufig nicht mit Hilfe und Unterstützung, sondern im Gegenteil mit Rückzug reagiert. Personen, die über Jahre hinweg mit Überschuldung gelebt haben, haben häufig keine Bekannten mehr, die sie regelmäßig treffen. Dauerhafte soziale Kontakte stellen sich in der Regel über den Arbeitsplatz her. Ein großer Teil der Betroffenen der Überschuldung ist erwerbslos. Die Problemfelder verstärken sich gegenseitig, das soziale Netz reißt."

Gerade in solchen Situationen kann die Schuldnerberatung ein letzter Ausweg sein. Zu welchem Zeitpunkt kommen Betroffene mit ihrem Problem zu Ihnen? Ist es möglicherweise schon zu spät?

"Häufig ist es tatsächlich so spät, dass man den Betroffenen nur noch mit einer Privatinsolvenz helfen kann. Seit 1999 gibt es dieses Instrument der Insolvenz für Privatpersonen, die nicht mehr zahlungsfähig sind. Damit ist die früher bestehende Bedrohung eines lebenslangen Schuldturms überwunden, aus dem es kein Entkommen gab.. Leider ist das Recht auf Privatinsolvenz durch eine Gesetzesinitiative der Länderjustizministerien akut bedroht, die einkommens- und vermögenslose- Schuldner aus diesem Verfahren ausgrenzen will. Wir fürchten, dass es auf diese Weise zu einem Zwei-Klassen-Recht kommt. Das würde Folgen für die Schuldnerberatung haben, die durch diese neue Rechtslage extrem belastet würde."

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Schuldnerberatung in Baden,. Württemberg? Welche Defizite bestehen derzeit?

"Wir verfügen leider über kein flächendeckendes Beratungsangebot. Mehr als einer halben Million Überschuldeten in Baden-Württemberg stehen 110 Beratungsstellen gegenüber. Ein Berater kann im Jahr 30 bis 40 Fälle bearbeiten. Damit können wir nur einen kleinen Teil der Betroffenen erreichen. Ein Drittel der Beratungsdienste wird von den Wohlfahrtsverbänden, zwei Drittel werden von den Kommunen getragen. Die Hauptkostenträger sind in jedem Fall die Landkreise und Kommunen, die sich in den letzten Jahren allerdings verstärkt nicht mehr in der Lage sehen, diese Finanzierung aufrechtzuer-halten. Es gibt Regionen, die sich nahezu vollständig aus der Schuldnerberatung zurückgezogen haben, während andere, meist die Ballungsräume, relativ gut mit Beratungseinrichtungen versorgt sind."

Mit der "Gäubote"-Weihnachtsaktion "Schuld(en)-Los" soll in der Diakonischen Bezirksstelle in Herrenberg eine Schuldnerberatung aufgebaut und ein Netz ehrenamtlicher Schuldnerberater geknüpft werden.


26.12.2005

 

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