Überschuldung – die andere Seite der Wohlstandsgesellschaft
Über den Zusammenhang zwischen Wohlstand, konsumorientierter Lebensweise und Verschuldung Dr. Dr. Gunter E. Zimmermann, Karlsruhe Vortrag im Rahmen der Jubiläumsfeier "10 Jahre Infodienst-Schuldnerberatung, Diakonisches Werk Württemberg, Stuttgart am 09.11.2001.
Inhalt
Wohlstand durch Massenproduktion Massenkonsum
Wohlstand durch Konsum auf Raten
Überschuldung - die andere Seite der Medaille
Verschuldung und Überschuldung von Personen bzw. Privathaushalten erfolgt – auch unter Berücksichtigung subjektiver Handlungskompetenz und –verantwortung – unter
gesellschaftlichen bzw. wirtschaftsstrukturellen Rahmenbedingungen, die in den folgenden beiden Kapiteln skizziert werden, um anschließend zentrale Merkmale der Überschuldetenpopulation aufzuzeigen. 1. Wohlstand durch Massenproduktion und Massenkonsum. Oder: Kein Wohlstand ohne Massenproduktion und Massenkonsum Massenproduktion und
Massenkonsum traten in Europa und insbesondere in Deutschland ihren Siegeszug nach dem Zweiten Weltkrieg in den sogenannten “Wirtschaftswunderjahren” an. Die “Wirtschaftswunderjahre” symbolisieren in Deutschland, aber nicht nur hier, den Aufbruch zu allgemeinem Wohlstand und konsumorientierter Lebensweise. Kein Zeitabschnitt der deutschen Geschichte war von so anhaltendem und stetigem wirtschaftlichen Wachstum geprägt wie die 50er und 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Diese scheinbar
krisenfreien Jahrzehnte des materiellen Aufschwungs, die nicht nur in Deutschland von ungeahnten Reallohnsteigerungen gekennzeichnet waren, schöpften ihre wirtschaftliche Dynamik wie der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler ausführt, aus drei Faktoren: einem (aufgrund der Kriegsschäden) umfassend modernisierten Produktionsapparat, der durchrationalisierten Fließbandproduktion, sowie der Leistungsfähigkeit der Führungssektoren (vgl. Wehler 2000, S.158)
Die Geburtsstunde der Fließbandproduktion schlug zu Beginn des 20 Jhdts. in den USA und ist untrennbar mit dem Namen Henry Ford verbunden. Ford revolutionierte die industrielle Produktion, indem er die Montage von Autos in kleinste Einzelschritte zerlegte, die in monotoner Wiederholung von Arbeitern entlang eines Fließ- bzw. Montagebandes vorgenommen wurden. Als das Montageband 1915 in Detroit in vollem Betrieb war, bedeutete Industrialisierung fortan Massenproduktion, und
Massenproduktion wurde zum Synonym der Moderne. Waren zuvor in der herkömmlichen Handwerksproduktion die Herstellungskosten hoch und blieben dies auch bei steigender Stückzahl, so änderte sich dies nun radikal, da sich die Herstellungszeit und in der Folge die Herstellungskosten für ein Artefakt um ein Vielfaches verringerten, wodurch auch der Preis des Produktes drastisch abnahm. Indem er gleichzeitig den Tageslohn eines Arbeiters auf 5 Dollar verdoppelte und damit dessen Kaufkraft stärkte,
wurde das spartanische aber deshalb nicht weniger berühmte Ford-T-Modell als erstes Auto der Welt bei einem Preis von rd. 350 Dollar auch für den “kleinen Mann”, der es zusammenschraubte, erschwinglich, was sich bald in dem Werbeslogan niederschlug: “Ein Tag - ein Dollar, ein Jahr - einen Ford”. Der Automobilbauer, aber nicht nur er, glaubte das Perpetuum mobile der Ökonomie gefunden zu haben: Massenproduktion verlangt Massennachfrage, Massennachfrage verlangt Massenkaufkraft, Massenkaufkraft
schafft Massennachfrage, Massennachfrage schafft Massenproduktion. Massenproduktion und Massenkonsum wurden zum Inbegriff des modernen Kapitalismus. Auch in Europa und insbesondere in Deutschland wurde der sogenannte “Fordismus” zur Grundlage des Wirtschaftswunders und des Massenwohlstandes nach dem 2ten Weltkrieg. In der Massenproduktion sah man das Mittel, den Wohlstand bzw. den Lebensstandard der Bevölkerung zu heben, wenn dieser z. B. gemessen wird
an der Anzahl der Autos, Fernseher, Kühlschränke etc. je 100 Einwohner. Was für die Amerikaner das Ford-T-Modell, war für die Nachkriegsjahre in Deutschland der nicht weniger legendäre VW-Käfer. Grundsätzlich verkörperte das Auto Erfolg, Wohlstand und Lebensqualität des einzelnen Fahrzeugbesitzers wie der Gesellschaft im ganzen, die die steigenden Produktionszahlen einzelner Modelle wie Siegesmeldungen feierte. In seiner
Bundestagsrede vom 14. März 1951 bezeichnete Ludwig Erhard, der “Vater” des deutschen “Wirtschaftswunders”, die freie Konsumwahl als eines der wesentlichen demokratischen Grundrechte (zit. nach Andersen 1999, S.15). Die Konsumfreiheit wurde als höchstes Rechtsgut postuliert, das verfassungsmäßigen Rang besaß. Dank der sinkenden Arbeitslosenzahlen zu Beginn der 50er Jahre sowie ungeahnten Reallohnsteigerungen in den folgenden beiden Jahrzehnten wuchs
die Kaufkraft, die Konsumgüter fanden raschen Absatz, was wiederum die industrielle Massenproduktion erleichterte und allgemein den Übergang zum Konsumismus ermöglichte. Die heutige konsumistische Lebensweise, die uns so selbstverständlich ist und die in so unterschiedlichen Lebensstilen zum Ausdruck kommt, wurde entscheidend in den 50er und 60er Jahren geformt. An Hand des statistischen Warenkorbes lässt sich die Entwicklung der Konsumgewohnheiten
bundesdeutscher Haushalte nachvollziehen. Da sich die Konsumgewohnheiten ständig veränderten – neue Produkte tauchten auf, alte verschwanden vom Markt –, musste der Warenkorb von seiner ersten Nachkriegserhebung 1952 bis 1995 siebenmal revidiert werden. In den ersten drei Änderungen galt es vor allem, dem erweiterten Warenangebot Rechnung zu tragen. Währens 1952 noch 335 Waren und Dienstleistungen ausreichten, um das Konsumverhalten eines vierköpfigen Arbeitnehmerhaushaltes nachzuvollziehen,
ließen die Statistiker den Warenkorb 1970 auf 725 Positionen anwachsen. Innerhalb von 20 Jahren hatte sich die Warenwelt, die den Konsumalltag des durchschnittlichen Bundesbürgers charakterisierte, mehr als verdoppelt (vgl. Andersen 1999, S. 20). Es muss nicht weiter hervorgehoben werden, dass die Anzahl der erfassten Waren und Dienstleistungen auch in den Folgejahren stieg. Wenn Massenproduktion die Produktion eines Artefaktes in hoher Stückzahl bei
geringer Variantenvielfalt bedeutet, dann war das Ende dieser Massenproduktion bald erreicht. So ließen sich die Konsumwünsche der Massen – um beim Beispiels der Automobilindustrie zu bleiben - nicht mehr mit einem Modell stillen (“Wir liefern das Modell T in allen Farben, wenn sie nur schwarz sind”). Das Ende der Massenproduktion bedeutet nicht das Ende der Produktion in Massen. Der alte Begriff wurde durch einen neuen ersetzt: “Mass Costumization” – die kundenindividuelle
Massenproduktion. Längst hat die Individualisierung der Warenwelt begonnen. Nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse in den ersten Nachkriegsjahren war man längst beim demonstrativen Konsum (Konsum als Ausdruck des Lebensgefühls) angelangt. “Ich konsumiere, daher bin ich” hieß es bereits in den 80er Jahren.
2. Wohlstand durch Konsum auf Raten. Oder: Kein Wohlstand ohne Konsum auf Raten War vor dem Zweiten Weltkrieg das Schuldenmachen in Deutschland noch verpönt, da es mit Armut assoziiert wurde und
nicht mit “erweitertem Konsum”, so wurde ab Mitte der 50er Jahre des 20 Jhdts. der Kleinkredit für Gebrauchsgüter öffentlich propagiert. Prof. Müller-Armack, einer der geistigen Urheber der sozialen Marktwirtschaft, forderte, dass Güter des gehobenen Bedarfs über Kleinkredite auch minderbemittelten Verbraucherschichten nahegebracht werden, um den Lebensstandard zu heben. In der Folge schlug das Wirtschaftsministerium eine Sonderaktion vor, indem es den Handel
aufforderte, Kühlschränke mit einer 30monatigen Teilzahlungsmöglichkeit anzubieten. Durch die Konsumfinanzierung – meinte Ludwig Erhard - wird eine erweiterte Produktion (z.B. Kühlschränke) eingeleitet, aus dieser Produktion entsteht neues Einkommen, das seinerseits wieder kaufend zum Markt drängt (vgl. Andersen 1999, S. 94). Die Kaufkraft der Bevölkerung bzw. der private Konsum werden zu entscheidenden volkswirtschaftlichen Faktoren. Mit dem steigenden Angebot an
Konsumgütern einerseits und vor dem Hintergrund finanzieller Stabilisierung der Privathaushalte bei stetig steigenden Sparquoten andererseits wurde der Ratenkauf zu etwas Selbstverständlichem. Das Sich-Verschulden gehört heute ebenso wie das Sparen zu den “normalen” wirtschaftlichen Vorgängen im Lebenszyklus einer Person/einer Wirtschaftsgemeinschaft, wodurch in aller Regel eine Steigerung des Konsums, die private
Investition und Vermögensbildung und damit eine Erhöhung der Lebensqualität erzielt werden sollen (vgl. Korczak/Pfefferkorn 1992, S. XXI). Mittlerweile werden zu den materiellen Ressourcen von Privathaushalten neben dem Erwerbs- und Transfereinkommen auch Kredite bzw. die Kreditwürdigkeit gezählt. Kredite dienen einerseits der Überbrückung kurzfristiger Einkommens- oder Belastungsschwankungen und andererseits der Anschaffung langlebiger
Gebrauchsgüter bzw. dem Erwerb von Wohneigentum. Bei den Verschuldungsformen wird zwischen bankmäßigen und nicht-bankmäßigen unterschieden: zu den bankmäßigen Verschuldungsformen zählen vor allem die Formen des Konsumentenkredits (Dispositionskredite, Ratenkredite etc.) sowie Hypotheken bzw. Realkredite, die nach gängiger Auffassung nicht zum Konsumentenkredit gerechnet werden; nicht-bankmäßige Verschuldungsformen sind Primärschulden
(Miet- und Energieschulden sowie offene Telefonrechnungen), Pfandleihe, Spielschulden, Unterhaltssachen, Schulden bei Freunden, dem Einzelhandel, Arbeitgebern, Versicherungen, Ämtern etc. Mitte der 90er Jahre betrug allein der Anteil der Privathaushalte mit bankmäßigen Krediten ohne Hypothekarkredite in den alten Bundesländern 32,5 Prozent und in den neuen Ländern 37,5 Prozent sollen (vgl. Korczak 1997, S. 230). Insgesamt haben somit mehr als 40 Prozent aller Haushalte in
Deutschland mindestens einen Kredit laufen. Die Gesamtverschuldung der privaten Haushalte aus Konsumentenkrediten und Krediten für den privaten Wohnungsbau betrug im Dezember 2000 1,8 Billionen DM; davon privater Wohnungsbau: 1335 Milliarden DM (vgl. Deutsche Bundesbank: Monatsbericht 2001). Die Aufnahme eines Kredites ist jedoch immer ein Vorgriff auf ein künftiges Einkommen. Erfolgte der Aufbau und die
Ausweitung der Konsumentenkreditgeschäfte nach dem 2. Weltkrieg in den 50er und 60er Jahren vor dem Hintergrund von Vollbeschäftigung und steigenden finanziellen Rücklagemöglichkeiten, so haben sich die Rahmenbedingungen seither grundlegend verändert. Konnte 1967 die erste Rezession noch durch staatliche Investitionen überbrückt werden, führte das Ölembargo der erdölproduzierenden Länder (OPEC) 1973 zu einer weltweiten Wirtschaftkrise, die die sogenannten
“goldenen Jahre” der unmittelbaren Nachkriegszeit entgültig beendete. Seitdem prägen Arbeitslosenzahlen auf sehr hohem Niveau den Alltag. Der angeführte Vorgriff auf künftige Einkommen ist folglich mit steigenden Risiken behaftet, da die Biographien nicht nur aufgrund der erwähnten Arbeitsmarktrisiken, sondern weiterhin aufgrund familialer Ereignisse wie Scheidung etc.
zunehmend diskontinuierlich verlaufen. Und die Arbeitsnormen der Industriegesellschaft wandeln sich weiterhin: der Langzeitjob ist nicht mehr das Maß aller Dinge; der Wechsel zwischen selbständiger und unselbständiger Arbeit, zwischen dauerhafter und befristeter Arbeit soll zur Beständigkeit werden, die gebrochene Arbeitsbiographie zur Norm. Im “neuen Kapitalismus”, so der amerikanische Soziologe Richard Sennett, betritt der “flexible Mensch” die Bühne (Sennett 1998). Ist
dieser neue Typus des Erwerbstätigen allerdings nicht flexibel genug, eine Konsolidierung der wirtschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen, droht aus der Verschuldung eine Überschuldung zu resultieren. Etwa jeder 6te bis 5te verschuldete Haushalt ist davon betroffen.
3. Überschuldung – die andere Seite der Medaille. Verschuldung und Überschuldung ein vernachlässigter sozialer Indikator Im ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der zu Beginn dieses Jahres erschien, wird die Gesamtzahl der überschuldeten Privathaushalte in Deutschland für das Jahr 1999 mit 2,8 Millionen beziffert. Davon entfallen rd. 1,9
Millionen auf die alten und 0,9 Millionen auf die neuen Bundesländer (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung 2001, S. 69). In Relation gesetzt zu allen Haushalten bedeutet dies, dass in den neuen Bundesländern überschuldete Privathaushalte mehr als doppelt so häufig vorkommen wie in den alten. Das durchschnittliche Verschuldungsniveau je Haushalt ist jedoch in den neuen Ländern im Vergleich zum früheren Bundesgebiet (noch) wesentlich niedriger (vgl. dazu
Korczak 1997, S. 209). Die große Differenz der Schuldverpflichtungen zwischen den alten und neuen Ländern resultiert - wie angeführt - vor allem aus der (noch) wesentlich geringeren Anzahl an Wohnungsbaukrediten (Hypothekarkrediten u.a.m.) in den neuen Ländern; die jährlichen Zuwachsraten an Konsumentenkrediten liegen in den neuen Ländern bereits über jenen der alten.
Zum Vergleich: am Jahresende 1999 waren in Deutschland rd. 1,45 Mill. Haushalte/Bedarfsgemeinschaften auf Sozialhilfe angewiesen (genauer: HLU außerhalb von Einrichtungen). Angesichts des Sachverhaltes, dass im Vergleich zur Anzahl der HLU-Empfänger eine wesentlich höhere Anzahl von Haushalten überschuldet ist, ist es kaum nachzuvollziehen, dass dieser Problemkreis bis dato in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Die Etablierung der Ver- und
Überschuldungsquote als sozialer Indikator ist dringend geboten. Wolfgang Glatzer (2000, S. 133), einer der Begründer der Sozialindikatorenforschung in Deutschland, schreibt: “Soziale Indikatoren sind statistische Maßzahlen, die eine quantitative Abbildung gesellschaftlich bzw. gesellschaftspolitisch relevanter Sachverhalte darstellen. (...) Die sozialen Indikatoren haben in den etablierten ökonomischen Indikatoren (z.B.
Sozialprodukt, Arbeitslosenquote) ein Vorbild, weil diese in der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Diskussion fest etabliert sind und routinemäßig erhoben werden.” Während die Verschuldungquote der öffentlichen Haushalte von Kommunen, den Ländern aber ebenso des Bundes ein anerkannter ökonomischer Indikator ist, der auf EU-Ebene auch Bestandteil der Maastrichtverträge ist, wurde die Verschuldung bzw. Überschuldung privater Haushalte bisher nicht nur weitgehend vernachlässigt, sondern zählt auch nicht
zum engeren Kreis der regel- und routinemäßig erhobenen sozialen Indikatoren. Trotz des aufgezeigten enormen Verschuldungspotentials und der großen Anzahl überschuldeter Privathaushalte lagen bis vor kurzem über die Zusammensetzung, die Merkmale sowie die Problemlagen der betroffenen überschuldeten Personen und Haushalte nur bruchstückhafte Erkenntnisse vor. Erst aufgrund der von Caritasverband und Diakonischen Werk der EKD
durchgeführten repräsentativen Studie - basierend auf abgeschlossenen Überschuldungsfällen bei Beratungsstellen der alten Bundesländer - kann unter anderem ein Einblick in die soziodemographischen Merkmale der Überschuldetenpopulation gegeben werden (vgl. Zimmermann 2000). Die Zusammenfassung der folgenden Ergebnisse aus der genannten Studie bestätigen die aufgezeigte Endnormierung der
familialen und beruflichen Biographien und die damit verbundenen erhöhten wirtschaftlichen Risiken.
Wer ist überschuldet?
Die folgenden Auswahl von Merkmalen ist charakteristisch für überschuldete Personen bzw. Privathaushalte (vgl. Zimmermann 2000): · Familienstand: Im Vergleich zu den jeweiligen Anteilen in der Wohnbevölkerung sind:Geschiedene (25 Prozent der Ratsuchenden) viermal so häufig vertreten; verheiratete Klienten hingegen stark unterrepräsentiert. · Haushaltszusammensetzung:
Partnerlose Haushalte bilden die überwiegende Mehrheit (zwei Drittel) bei überschuldeten Privathaushalten; Alleinerziehendenhaushalte (ohne Lebenspartner) kommen (im Vergleich zum Anteil an allen Privathaushalten) mehr als sechsmal so häufig vor; Haushalte mit Kindern sind überproportional vertreten: in jedem zweiten überschuldeten Haushalt leben Kinder. · Alter: 8
5 Prozent der überschuldeten Klienten sind im Alter zwischen 20 und 49 Jahren. Das Hauptrisiko der Überschuldung tragen Personen, die im beruflichen und familiären Aufbauprozesses stehen. · Schul- und Berufsausbildungsabschluss: Überschuldete Personen weisen häufig ein niedriges Schul- bzw. Berufsausbildungsniveau auf: etwa ein Fünftel der Klienten hat keinen Hauptschulabschluss. · Berufsgruppenzugehörigkeit: Etwa zwei Drittel der Klienten von Schuldnerberatungsstellen sind Arbeiter; 30 Prozent sind Angestellte. · Einkommenssituation Überproportional viele überschuldete Personen bzw. Haushalte weisen ein niedriges Einkommensniveau auf.
Einkommensarme Haushalte (“Armutsschuldner”) treten mehr als 2,5-mal häufiger auf im Vergleich zum entsprechenden Anteil an allen Privathaushalten. Haushalte mit Kindern sind signifikant schlechter gestellt als Haushalte ohne Kinder. · Erwerbssituation Arbeitslos gemeldete bzw. arbeitssuchende Personen, die in keinem Arbeitsverhältnis stehen, sind mit rd. 30 Prozent zwei-
bis dreifach überproportional im Vergleich zum entsprechenden Anteil in der Gesamtpopulation. Die Sozialhilfeempfängerquote in der Überschuldetenpopulation (18,5 Prozent) ist etwa viermal so hoch im Vergleich zur Sozialhilfequote für die alten Bundesländer. Es sei in diesem Zusammenhang hervorgehoben, dass Überschuldung ein mehrdimensionales Problem ist, das nicht nur
finanzielle Restriktion bedeutet, sondern ursächlich oder als Folge häufig mit persönlichen und familiären Problemen korrespondiert. Dies wurde auch bei der in der Studie durchgeführten Ursachenanalyse deutlich, wo neben der Haushaltsführung bzw. –planung (Konsumverhalten/Verbraucherbewusstsein) der Arbeitslosigkeit sowie den Partnerschafts- bzw. Beziehungsproblemen eine zentrale Rolle zukommt.
Die Belastungen, denen überschuldete Personen, aber ebenso alle anderen Mitglieder eines überschuldeten Haushaltes ausgesetzt sind, sind vor allem vor dem Hintergrund eines mehrheitlich langjährigen Prozesses zu sehen: Bevor von den Betroffenen eine Schuldnerberatungsstellen aufgesucht wird, bestehen Ver- bzw. Überschuldungsprobleme im Durchschnitt bereits über einen mehrjährigen Zeitraum, und auch nach einer eventuellen Schuldenregulierung
(beispielsweise im Rahmen eines Insolvenzverfahrens) sind die Betroffenen noch erheblichen Belastungen über viele Jahre ausgesetzt. Diese langjährigen und mehrfachen Belastungen betreffen insbesondere auch Kinder und Jugendliche, die wie erwähnt in etwa der Hälfte aller überschuldeten Haushalte leben. Betrachtet man die Altersverteilung der mitbetroffenen Kinder und
Jugendlichen, so zeigt sich, daß mehr als vier Fünftel von ihnen (zu Beginn der Schuldnerberatung) jünger als 14 Jahre sind, das heißt sie wachsen nicht nur unter sehr eingeschränkten materiellen Bedingungen auf, sondern in Haushalten, die besonders stress- und konfliktbelastet sind. Überschuldung ist die andere Seite der Wohlstandsgesellschaft, die ihren Lebensstandard auf Massenproduktion und Massenkonsum aufbaut und den raschen sofortigen Konsum propagiert. Schon
1950 kritisierte der amerikanische Publizist Vance Packard die Werbebranche in seinem Buch “Die geheimen Verführer”. Die Kinder in überschuldeten Haushalten sind jene Betroffenen, die an der anderen Seite der Medaille der Wohlstandsgesellschaft am meisten zu leiden haben. Die angesprochene Studie, an der ich mitwirken durfte, hat jedoch auch aufgezeigt, dass die Schuldnerberatungsstellen
des Caritasverbandes und des Diakonischen Werks der EKD eine sehr erfolgreiche Arbeit leisten hinsichtlich der Regulierung der wirtschaftlichen sowie der Stabilisierung der psycho-sozialen Verhältnisse ihrer Klienten. Ich wünsche den Schuldnerberatern, dass sie ihre Arbeit auch künftig so erfolgreich fortführen können, und beglückwünsche den INFODIENST SCHULDNERBERATUNG zum zehnjährigen Jubiläum.
Literatur Andersen, Arne: Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichte vom Wirtschaftswunder bis heute, Frankfurt a.M./New York 1999.
Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn/Berlin 2001. Glatzer, Wolfgang: Soziale Indikatoren, in: Bernhard Schäfers (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, 6.te Aufl., Opladen 2000, S. 133-134. Korczak, Dieter: Marktverhalten. Verschuldung und Überschuldung privater Haushalte in den neuen Bundesländern:
Gutachten vorgelegt von Dieter Korczak unter Mitarbeit von Birte Ostermann. GP-Forschungsgruppe, Institut für Grundlagen- und Programmforschung, Stuttgart, Berlin, Köln 1997 (= Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bd. 145). Korczak, Dieter/Pfefferkorn, Gabriela: Überschuldungssituation und Schuldnerberatung in der Bundesrepublik Deutschland.
Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie und Senioren und des Bundesministeriums der Justiz, Stuttgart, Berlin, Köln 1992 (= Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie und Senioren, Bd. 3). Packard, Vance: Die geheimen Verführer, 11te Aufl., Düsseldorf/Wien 1969. Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1998.
Wehler, Hans-Ulrich: Umbruch und Kontinuität. Essays zum 20. Jahrhundert, München 2000. Zimmermann, G. E.: Überschuldung privater Haushalte. Empirische Analysen und Ergebnisse für die alten Bundesländer, Freiburg i. Br. 2000.
26.11.2001
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